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Schattenboxen mit Plato(n) - Andreas-TAL - 08.02.2020

Bevor der Jetstream das Orkantief "Sabine" gen Europa schleudert, waren die vorgelagerten Tage erstaunlich wolkenfrei und … kalt. Also eigentlich nix für mich, zumindest eher gebremste Freude. Andererseits lockte natürlich mein TAL-250K, dass nach seiner Überarbeitung noch mehr Spaß macht, als vorher schon.

Rothirsche im Mondlicht

Justagefrei, kollimationsstabil, ohne Tau- (also in dem Fall „Reif“) Probleme, schnell im Temperaturgleichgewicht … sind meine „big points“. Allerdings, damit es auch im Maintal klar ist, brauchen wir hier noch tiefere Temperaturen – also ging es wieder in den Odenwald, um über den tiefsten diffusen Nebelschleiern, die sich in den Tälern sammeln, zu sein. Vollmond und klarer Himmel ist aber immer so eine Sache. Die Nächte sind auch bei Jägern beliebt und bei meinem Beobachtungsort ist 1) ein weißes, kreisrundes Schild mit rotem Rand, rund 500 m vorher auf dem Feldweg und 2) ein Hochsitz am Waldrand gegenüber. Wenn es dumm läuft, dann versaue ich jemanden (im wahrsten Sinn des Wortes) seinen Jagderfolg. Aber, als ich ankam, stand gleich eine komplette (wie heißt denn das eigentlich?) Herde, Gruppe, Rotte … von Rothirschen auf der Wiese. Hui, prächtiger Anblick, vor allem der (Leit)Hirsch mit echt mächtigen Geweih. Nun verdarb ich also keinem Jäger den Abend, sondern diesen Tieren. Sorry … , aber selbst im Abgang machten sie deutlich, dass eigentlich sie die Herren und Damen der Wiese sind und ich bestenfalls geduldet bin. Sie verzogen sich nur gemächlich und langsamen Schrittes in den Wald und der Leithirsch warf mir, erhobenen Hauptes, noch einen sehr kritischen Blick zu, bevor er mich, mit Verachtung strafend, links liegen ließ ...

Improvisieren können heißt vergesslich zu sein

Nachdem mich der Thread von Ralf auf den Krater Plato aufmerksam gemacht hatte, sollte das mein Ziel sein. Was soll man auch sonst bei Fast-Vollmond machen? Nachdem der Mond erst spät(er) in passabler Höhe stand, die Temperaturen meine Nachtsitzung definitiv begrenzen würden, machte ich mich eben erst deutlich nach Sonnenuntergang auf den Weg. Zu anderen Zeiten ist es da oben recht dunkel, aber mit der großen Mondlampe oben drüber, war das Aufbauen kein Problem. Also doch irgendwie, weil ich den Knebelschlüssel zum Aufbau für die CEM60 nicht finden konnte. Na toll … aber der Ersatz war schnell gefunden: Ein Kreuzschlitzdreher an meiner Multifunktionszange, die immer im Auto liegt.

Pi, pi = 3,1415 oder?

Nach dem Aufbau musste ich erst mal das machen, was auch bei Skifahrern auf der Piste Angst und Schrecken verbreitet und selbst wenn man ein passendes Örtchen, also WC, gefunden hat, geht das Auseinandersortieren der unzähligen Lagen von wärmeisolierenden Klamotten los, bis man tief genug gedrungen ist, um sich Erleichterung zu verschaffen. Und dann beginnt das Zwiebelschalenprinzip bei den Klamotten – in umgekehrter Richtung – erneut. Was ist Astronomie im Sommer schön … Aber zumindest der Leithirsch der Gruppe wird sich meiner etwas länger erinnern müssen, bzw. hat jetzt eine schöne Stelle zum Markieren.

Hell, heller, Fast-Vollmond

Nachdem ich mein TAL-250K ab 15:00 Uhr schon im Carport vorgekühlt hatte, war es bereits kurz nach dem Aufbau völlig im thermischen Gleichgewicht (kein Thermikkeil, kein verwaschenes Sternscheiben intra- und extrafokal) – allein das Seeing kam noch nicht nach. Ich hatte eine Wetterlage erwischt, bei der eine leichte Brise aus Westen über die waldfreie Höhen des Odenwalds wehte und das gute Seeing lokal zerstörte. Aus anderen Richtung würde der Wind durch den näheren Wald blockiert, aber aus Westen nicht. Üblicherweise schläft der Wind dort oben in der späteren Nacht ein - also warten. Ein kurzer Schwenk gen Sirius in der Hybris: Dann schnappe ich mir Sirius B bei Fast-Vollmond, ließ mich aber bald auf den Boden der Tatsachen ankommen. Sirius stand, teilweise nicht einmal allzu farbig, recht ruhig im Okular, aber selbst bei 300x war der Himmelhintergrund nicht dunkel zu bekommen. Keine Chance …
Gegen 21:45 Uhr war die Zeit reif – wie es mir schien – für Plato. Nach dem Studium der Bilder auf Clodynights war ich erst mal überrascht wie winzig, also erbsengroß, der Krater im Gesamtmond daher kam. 3D und live ist doch immer wieder anders wie 2D und Papier oder Bildschirm. Auf diesem kleinen Teil soll man nochmals hundertfach kleine Kraterlets erkennen können? Wie verrückt ist das denn?

Laserschwerter sind nichts dagegen

Also, ran den Speck oder in dem Fall ans Okular. Zunächst mal kamen meine neuen SSW zum Einsatz. Wow – ich bin echt hin und weg von diesen Okularen. Sie passen so perfekt zu meinem TAL-250K: Absolut randscharf, absolut keine Farbe am Rand des Mondes. Selbst das Kidney-Beaning (die Kröte, die ich schlucken musste) bekomme ich langsam besser in den Griff. Als beste Vergrößerung stellte sich in dieser Nacht irgendetwas zwischen 220x und 280x heraus – also eher Durchschnitt. Extrem gewöhnungsbedüftig war, wie extrem hell der Mond war. Beim längeren Einblick (also +2 Sekunden) begann tatsächlich eine Art von „Granulation“ (ja wie bei der Sonne) auf der Oberfläche. Also natürlich in meinem Auge, weil die Sehstäbchen und Zäpfchen bei der Blendung Amok liefen, aber nach wenigen Sekunden blubberte eben das Bild auf … Das machte die Beobachtung extrem schwer.

Verkehrte Welt, ähm … also Mond

Danach merkte ich, dass der ideale Sonnenstand auf dem Mond für Plato definitiv bereits vorbei war. Plato zeigt keinerlei Schattenwurf mehr. Ganz im Gegenteil: Statt schwarzer Schatten und grauer Mondoberfläche ging es hier um gleißende Kraterwände und Ränder zur ausgegrauten Mondoberfläche. Meine gesuchten Kraterlets waren also im Wesentlichen hell, statt dunkel gerahmt. Das erklärte auch zum Teil, warum höhere Vergrößerungen nicht sinnvoll waren. Die Kraterchen wurden zu dunkel und hoben sich nicht mehr gut genug von der Oberfläche ab.

Die Beobachtungsergebnisse

Der zentrale Krater A war problemlos und permanent zu sehen, ebenso der auf halber Strecke liegende Krater B. Die Kraterlets C und D waren auch nicht allzu schwer zu lokalisieren, wobei sie interessanterweise nicht immer als Doppelkrater erschienen, sondern manchmal zu einer Struktur zusammenfielen. Danach wurde es schwierig. Mit mehr Beobachtungszeit, hätte ich bestimmt noch etwas mehr herausholen können. Den Krater E konnte ich immer wieder mal erahnen. F blieb mir verborgen, dafür schien mir G immer wieder mal zu erahnen (1,3 km Durchmesser ist aber auch schon winzig auf dem Mond). Aber wie geschrieben: Mein Auge kam mit der starken Helligkeit nicht gut zurecht. Bevor ich mich gut orientieren konnte, war das Bild wieder weg, wurde unscharf, ging mir das Auge über, kamen diese Granulationen auf oder tanzte die ein oder andere Glaskörpertrübung herum („mouches volantes“, fliegende Mücken bringt das sehr passend auf den Punkt).

SSW – Super Schöne Weitwinkel, oder so …

Zwischendurch prüfte ich auch, ob ich nicht mit den 8 und 10mm TMB Supermonocentric einen besseren Blick habe. Aber erstaunlicherweise war das nicht der Fall. Hört, hört … Also um das korrekt zu schreiben. Das Bild erschien tatsächlich bei den TMB irgendwie griffiger und klarer, aber es fehlte das große Gesichtsfeld. Das schmälerte die angenehme Wahrnehmung des Kraters als „Gesamtobjekt“. Das zeigte mir nochmal wie gut die SSW an meinem TAL-250K arbeiten. Auf Achse, aber auch nur da erschien es mir, als hätten die Supermonocentric noch einen hauchdünnen Vorteil, aber auch nur da. Ich bin schon gespannt die TMB mal auf Planeten und Doppelsterne zu richten. Aber am Mond sind die SSW an meinem Auge bisher unerreicht.

Movietime
 
Nachdem es langsam kalt und kälter wurde, meine Augen mir ganz deutlich signalisierten, dass sie jetzt aber wirklich genug Photonenduschen hatten, baute ich nochmal mein Setup um, um mit meiner ASI120MC Plato und seinen Schattengeistern auf den Leib zu rücken. Auch hier zeigte sich, dass einem Schüler Sokrates nicht so leicht beizukommen ist. Das fokussieren fiel extrem schwer. Mehr noch – am Mondrand (da war noch ein leichter Terminator) exakt fokussiert, schien es so – nachdem ich wieder auf Plato positioniert hatte – als wäre das Bild nicht wirklich scharf. Zumindest hatte ich immer das Gefühl nachfokussieren zu müssen. Nach gefühlten Unendlichkeiten, nahe dem kosmischen Nullpunkt (Astronomie bringt einen tatsächlich an die Grenzen von ziemlich allem …) war ich irgendwann mal zufrieden und ließ die Kamera einfach bei rund 26 fps rund 16.500 Bilder machen. Zwischendurch sah ich auf dem Monitor wie „perfekt“ das Seeing heute für kurze Augenblicke war. Immer wieder blitzte Plato und sein Kraterrand kristallklar auf dem Monitor auf.

Der originale Platon hätte bestimmt seine Freunde an diesen Geistesblitzen seines technischen Gegenübers gehabt …

In der Summe kam ein recht ordentliches Bild des Kraters heraus. Leider hatte ich vorher zwar meine Zeiss-Abbe Barlow gereinigt, das Klarglasfenster der ASI gereinigt, die aktuellen Treiber für Firecapture installiert, kurz geprüft ob die Kamera erkannt wird … aber NICHT das Kamerabild angesehen. Vor dem hellen Mondhintergrund waren zahlreiche (scharf konturierte, schwarze Speckles) zu sehen. Staub auf dem Chip! Wie um Himmels willen kommt der da drauf? Ich habe die Kamera nie aufgeschraubt, bei letzten Einsatz war da nie (ok, da war der Hintergrund dunkel) was drauf und jetzt das.

Nun gut, wie sollte es anders sein, dass Plato mir tatsächlich noch diese Pointe präsentiert und er mir nun, 2500 Jahre später, sein Höhlengleichnis, im Kleid der Technik, auf den Hals hetzte. So tanzten seine Schatten der Ideen vor meinem Auge, respektive vor dem Mond herum und narrten mich …

So ist das entstandene Bild tatsächlich mehr ein philosophisches, als ein technisches, zeigt es doch wohl auch einige der Speckles - oder eloquenter ausgedrückt, der Schatten aus der Höhle von Platon. Andererseits, was könnte besser diese Nacht „abbilden“ als so etwas.

Für die, die es interessiert

Rein technisch sind das: Rund 4860 Bilder von ca. 16.680 Bildern (rund 30%) bei f/17 (4260mm Brennweite) am 07.02.2020, gegen 22:30 Uhr MEZ, mit dem TAL-250K, 2x Zeiss-Abbe Barlow, ASI120MC, Stacking über AviStack2.0, Schärfen via RegiStax, falsche Schatten von Platon selbst (Hypothese) …

[attachment=9330]

Andreas.TAL


RE: Schattenboxen mit Plato(n) - Ulf - 09.02.2020

Hallo Andreas,

hmm ich bin jetzt etwas ratlos und weiß nicht so recht was ich davon halten soll.
Irgendetwas stimmt da nicht oder ist es so schwer Plato zu fotografieren? Huh


RE: Schattenboxen mit Plato(n) - Andreas-TAL - 09.02.2020

Nö, ich kann nur bei Weitem nicht garantieren, dass alles das, was du auf dem Bild siehst auch wirklich Plato ist und nicht vielleicht was ganz anderes. Das Resultat ist eigentlich nicht präsentabel, nicht wegen dem schlechten Ergebnis, sondern wegen den Ausgangsvoraussetzungen, die eine solche Aufnahme eigentlich disqualifizieren.

Hier ein grausliches Einzelbild  Sad

[attachment=9331]

Um das retten (wenn ich Bilder mache ist das für mich mehr "Spielen" und damit eine "Erinnerung" schaffen, als was anderes) habe ich das Bild auf dem Chip bei der zehnminütigen Aufnahme mehrmals versetzt, damit die Mondoberfläche hinter diesen Speckles auch als Information zugänglich ist (die bleiben ja fix, die Oberfläche dahinter dann nicht). Bei der Auswahl der zu stackenden Bilder habe ich auf eine gleichmäßige(re) Selektion der Einzelbilder innerhalb dieser versetzten Situationen geachtet. Dann tut sich die Stacking-Software einfacher, das zu rechnen.
ASS hat das am besten hinbekommen (schade, dass die nicht mehr weiter entwickelt wird) RegiStax ist beim Stacken ausgestiegen und Autostakkert hat das nicht so gut lösen können.

In der Summe siehst du aber ein Bild bei dem nicht alles real ist. Also zumindest nicht real Mondoberfläche. Die dunklen Schattierungen im Zentrum von Plato, die schwarzen Krater „links unten“ dürften von diesen Schattenbildern stammen. Und der gute Platon hat sich ja eben mit der Frage beschäftigt: Wie echt ist denn eigentlich das, was wir wahrnehmen? Oder nehmen wir nicht grundsätzlich in dieser Welt nur die Schatten von etwas wahr, was in „echt“ ganz anders ist? Und - daraus folgend - was ist denn dann eigentlich "echt" oder "Schatten" und können wir jemals zwischen den beiden zuverlässig unterscheiden? Und, und, und ...

Nur wegen dieser Parallelisierung habe ich überhaupt das Bild eingestellt, es oben aber eben just um Plato(n) als „philosophisch“ beschrieben,sonst müsste man schreiben mit "Fehlinformationen" oder sonstwas. Ohne so einen Zusatz oder Hinweis, sollte man - finde ich - solche Bilder nicht veröffentlichen.

Schwer zu fotografieren ist er eigentlich nicht, außer dass du, wie oben beschrieben, bei dieser Mondphase ganz schwer den Fokus findest, wenn du dich nur auf Plato konzentrierst. Am Terminator (oder am Mondrand) geht das recht einfach. Ich fokussiere bei Jupiter ja auch immer auf die Jupitermonde. Hier war es aber so, dass ich, anders als wie beim obigen Jupiterbeispiel, den Eindruck hatte dass Plato dann, trotz dieser Fokushilfe, unscharf ist. Das ist sicher nur subjektiv, weil einfach die Kontraste fehlen, hinterlässt bei dir aber den Impuls: Oh Mann, das ist ja völlig verschwommen und man fingert dann doch wieder am Fokus, stellt den anscheinend perfekt ein, schwenkt noch mal zum Mondrand und stellt fest dass jetzt dieser Rand ziemlich unscharf daherkommt. Und dann beginnt das Spiel von Neuem …

Das hat aber nichts mit Plato zu tun, sondern mit der gesamten Belichtungssituation.

Aber eben noch mal: Das Bild zeigt den Kater Plato … und eben noch ein bisschen Schatten ...  Wink  ... aber genau deswegen für mich eine schöne Erinnerung an diese Nacht.

Andreas.TAL


RE: Schattenboxen mit Plato(n) - Ulf - 09.02.2020

Hallo Andreas,

dass das Bild eine schöne Erinnerung ist steht außer Zweifel, ich frag nur weil ich von deiner Ausrüstung ein deutlich besseres Ergebnis erwartet hätte...

So in der Art:

[Bild: mond_10_gr.jpg]

...und deswegen der Meinung war das er sehr schwer zu fotografieren sein muss.


Ps. Bitte nicht falsch verstehen.


RE: Schattenboxen mit Plato(n) - Andreas-TAL - 09.02.2020

Hi Ulf, alles gut 👍 - kein Problem 😀 ...

Zu Deinem tollen Bild: Wenn du ein bisschen Terminator übrig hast, dann schick‘ ihn mir. Hi, hi ...  Tongue Tongue Tongue

Aber mal ernsthaft:
Das da fast 0,0% Schattenwurf war, war ein Grundproblem. Ich war da einfach zu spät dran.
Nächstes Problem: Bei zunehmenden Mond ist, wenn Plato auftaucht, schon viel Licht durch die restliche Mondoberfläche da. Das macht das Bild zusätzlich flau. Insofern ist das wahrscheinlich besser abzulichten, wenn der Mond abnimmt (und man ein Frühaufsteher ist).
Und das dritte ist, dass Plato nun tatsächlich recht klein ist. Er hat in etwa die Größe von Alphonsus oder Albategnius auf deinem Bild (also die mit dem Zentralberg). Das geöffnete Platobild entspricht also also rund 25-33% Bildausschnitt von der schönen Dreiergruppe mit Ptolemäus zusammen.

Aber ehrlicherweise: Auch wenn es größer wäre, wäre es nicht besser geworden. Da haben einfach 1 bis 2 kg Terminator gefehlt 🤪

Andreas.TAL


RE: Schattenboxen mit Plato(n) - Ulf - 09.02.2020

...OK, alles klar, dann muss ich unbedingt Plato fotografieren auf die Dodo Liste setzen.