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TAL 250K - Kompendium
#88
Nachdem hier noch viel in der Pipeline ist, ich die Abschnitte Zug um Zug jetzt fertigstelle und das Ganze sich ja nicht bis zum St. Nimmerleinstag ausdehnen soll, gibt’s gleich den nächsten Beitrag (und die Antwort auf die obige Frage):

FirstContact, oder: „Assimilier das!“
Etwas was Staub, Pollen (und sogar Fett - wenn da) einfach aufnimmt und entfernt - das wäre die optimale Reinigung! So kam ich auf "First Contact" (nein, nicht auf den Film oder die “Borg“), auf ein flüssig aufzubringendes Reinigungspolymer, dass nach „Aushärtung“ als gummiartige Schicht wieder abgezogen werden kann und mit ihm alle Rückstände auf der Oberfläche verschwinden. Sauteuer - aber für mich ziemlich alternativlos ...

https://mountainphotonics.de/product/rei...nsoptiken/

Leider bestand der deutsche Vertreiber (siehe oben) darauf, da das ein Gefahrgut in Mindermenge wäre, zusätzlich nochmal 17,50€ Versandkostenpauschale zu erheben. Versendet und geliefert würde es dann aber über den ganz normalen Paketdienst ... aha! Also machte ich mich auf die Suche nach alternativen Anbietern. Die USA schieden, ob des schlechten Umtauschkurses und der anfallenden Einfuhrumsatzsteuer, sofort aus. Auf dem europäischen Kontinent gaben sich die Preise gegenseitig nichts, aber zum Glück gibt es ja noch das Vereinigte Königreich.

https://www.365astronomy.com/home.php
 
So fand ich in Brighton einen Astro-Händler, der das deutlich günstiger verkaufte. So kam es zu der kuriosen Situation, dass eine „Gefahrgutsendung“ aus England quer durch Europa deutlichst billiger war (roundabout -20%), als ein Paket via DHL aus Landsberg am Lech. Tja, komische Zeiten ...
 
       

So kam das "First Contact" an, allerdings in einer lichtgeschützten Tasche, die allerdings nur den Effekt hat, dass sich die rote Einfärbung unter UV Strahlung nicht zersetzt. So sieht man besser, welche Stellen bereits beschichtet sind und kann auch die Schichtdicke (durch die Farbintensität) besser einschätzen.
 
Einmal angekommen hatte ich aber trotzdem nur eine sehr theoretische (YouTube)-Vorstellung, wie das Zeug anzuwenden sei. Und je konkreter ich wurde, desto mehr Fragen tauchten auf: Wie viskos ist die Flüssigkeit? Wie dick muss die Schicht sein? Ob es in Spalten und Fugen laufen würde? Wie einfach ist der Film wieder abzulösen und ab wann reißt er einfach ab?

Zum großflächigen Experimentieren war es mir aber zu teuer, also blieb mir nichts anderes übrig, als das Ganze einfach mal anzuwenden.
 
Die komplette Rückwand meines Klevtsov (an der der HS hängt) war schnell vom Tubus entfernt. Die Schlitzschrauben ließen sich (mal ganz was Neues) einfach lösen und rausdrehen und mit ein bisschen ruckeln (die Teile sitzen mit Nut und Fuge auf Press zueinander) waren Spiegelzelle und Tubusrohr auseinander. Hier zeigte sich auch wie exakt die russischen Teleskopbauer arbeiten mussten. An Nut und Fuge waren deutliche Spuren der Nachbearbeitung zu sehen. Das hat seinen guten Grund (siehe weiter unten).
 
   
 
Die Fangspiegelkonstruktion (die „Curved Spider“ mit der Korrektoreinheit) ließ ich, auf dringenden Rat aus Moskau, am Tubus fixiert. Der Grund war ganz einfach. Die Praxis aus Russland (und nachfolgend dann auch Beispielrechnungen in OSLO, die Vladimir Sacek (www.telescope-optics.net) anfertigte, als wir vor einiger Zeit via CloudyNights über die Designparameter des TAL-250K rätselten, hatten gezeigt, dass selbst ein hauchdünner seitlicher Versatz zwischen HS und Korrektor katastrophale Folgen auf die Abbildung hat. Die Moskauer Astronomen meinten, dass es einfach nicht sicher gewährleistet wäre, dass die komplette Curved-Spider-Einheit wieder absolut exakt in dieselbe Position „rutscht“ wie vorher. Ich solle da lieber kein Risiko eingehen. Dieser Hinweis war mir sehr willkommen, habe ich doch sowieso den Standpunkt nur dann etwas anzufassen, wenn es unbedingt nötig ist (OK - und dann aber so optimal wie möglich zu lösen). Das Polymer auf die Oberfläche der Meniskuslinse des Korrektors zu bringen war etwas umständlicher (weil tief im Tubus liegend), das stand aber definitiv in keiner Relation zu einer versauten Optik. 
 
   

Es würde etwas fummelig werden da unten drin das Polymer aufzutragen, aber mit 10" Durchmesser hat man doch einen gewissen Arbeitsraum zur Verfügung.
 
In der Summe - wie oft, wenn man sich viele (zuviele?) Gedanken macht - war der Polymerauftrag und das Handling wirklich sehr unproblematisch. Natürlich wird es bei der nächsten Anwendung, die zumindest beim Klevtsov aber bitte in weiter Ferne liegen soll, noch einfacher. Erfahrung ist halt durch nichts zu ersetzen.
  • Das propagierte Aufsprühen des Polymers bei Optiken ab 8“ muss nicht sein (Mt. Palomar Observatory und die 2, 3 oder 4 Meter Spiegel bei denen Polymerreinigung (wenn nicht gleich Neuverspiegelung) üblich ist, sind was anderes ...). Mit einem weichen, nicht zuviel saugenden Pinsel und Sorgfalt geht das viel einfacher. Man muss halt aufpassen, dass die Metallzwinge (Ferrule) des Pinsels, die die Haare hält, nicht auf den Spiegel kommt.
 
  • Zweimaliges Auftragen, statt zu versuchen einen einzigen dicken Auftrag hinzubekommen, macht mehr Sinn, weil man sonst auf stark gekrümmten Oberflächen (der Klevtsov-HS hat f/1.9 und die Meniskuslinse um die f/3) länger gegen das Ablaufen des Fluids kämpfen muss.
             
Hier der Auftrag des Polymers (links) mit den Tropfnasen, die sich zwangsläufig bilden, wenn es entlang der Spiegelkrümmung  
abläuft (und die man mit einem Pinsel wieder zurückziehen muss) und in der Mitte und rechts der komplett versiegelte HS.

   
Hier am Rand sieht man, dass die recht zähflüssige Masse nicht sofort über irgendwelche Kanten läuft. So kann man recht gezielt das Polymer auftragen.
 
  • Das Abkleben zum Schutz von irgendwas ist weitgehend unsinnig. Es verhindert nämlich nicht das Verlaufen des Polymers (das wahrscheinlich sowieso nicht passiert wäre), sondern befördert vielmehr das Verfließen per Kapillareffekt (wenn dünne Fugen zwischen Klebeband und Oberfläche bleiben). Die zähflüssige Oberfläche und die Oberflächenspannung verhindern zunächst sowieso, dass sich das Polymer wie Brühsuppe verteilt. Gegen das Hinterlaufen an Linsenkanten hilft eine dort eingelegte, bereits mit den Polymer versehene Schnur. Mit der empfohlenen, ungewachsten Zahnseide konnte ich mich nicht so anfreunden, was aber auch daran lag, dass die Korrektoreinheit tief im Tubus lag (die blieb ja dran) und mir das (auf die Entfernung gesehen) zu fein und zu dünn war.
   
 
In der Summe waren HS und Korrektor dann schnell eingesprüht und eingepinselt. Da die Polymeroberfläche nicht altert (also in normalen zeitlichen Dimensionen von unsereins), beließ ich aber die Schicht nach dem Abtrocknen noch 3 Wochen auf den optische Elementen drauf, sie waren ein willkommener Schutz gegen Staub, Fingerabdrücke, Farbspritzer und anderen Sachen, denn die nächsten Baustellen zeichneten sich ab.
 
Irgendwann, viel später (zwischendrin war viel von dem passiert, was nachfolgend noch zu lesen sein wird), wagte ich mich an die Entfernung. Ich war sehr unsicher, ob ich das Zeug wieder abbekomme und ob das überall rückstandsfrei abgeht oder ("worst case") überall kleine Teilchen hängen bleiben, oder ob das Polymer Teile der Beschichtung gleich mitnimmt (hmm ... auch "worst case", wenn ich mir das so überlege).
Aber, nichts von alledem passierte. Das Polymer ist perfekt eingestellt, nicht so viel Haftung dass es der Beschichtung schadet und auch nicht zu wenig Haftung: Das Polymer reißt auch bei starker Krafteinwirkung nicht.

           
 
So gab es entspanntes Optikpellen ...

PS: An der Stelle sei noch (ergänzend) darauf hingewiesen, dass der sog. „Discofilm“ / „Sensorfilm“ zwar identisch in der Anwendung ist, aber (zumindest) bei verspiegelte Oberflächen meiner Meinung nach NICHT zuverlässig funktioniert. Ich habe/hatte beide Produkte zuhause und dieses Polymer haftet wesentlich stärker an der Oberfläche und ist dünnflüssiger (bildet also dünnere Schichten aus, die leichter abreißen). Je nach verspiegelter Oberfläche bleiben davon Reste auf dem Spiegel zurück (ähnlich wie die „Kalkränder“ bei eingetrockneten Tropfen) oder die Verspiegelung (gerade wenn schon etwas gealtert) wird tlw. mit abgezogen!
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Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond“
                                                                                                                              (Mascha Kaléko)  
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Christoph (30.06.2019), Florian B. (30.06.2019), Herbipollution (30.06.2019), Simon (20.04.2020)
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TAL 250K - Kompendium - von Ralf - 23.12.2013, 18:36
RE: TAL 250K das etwas andere Teleskop - von Andreas-TAL - 30.06.2019, 09:29
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 30.06.2019, 19:22
RE: TAL 250K - Kompendium - von Christoph - 30.06.2019, 20:04
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas Paul - 30.06.2019, 23:17
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 01.07.2019, 02:29
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 01.07.2019, 23:31
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 01.07.2019, 23:32
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 02.07.2019, 16:14
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 02.07.2019, 21:16
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 03.07.2019, 18:51
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 04.07.2019, 21:55
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 05.07.2019, 15:33
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 05.07.2019, 15:36
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 10.02.2020, 22:04
RE: TAL 250K - Kompendium - von Andreas-TAL - 08.03.2020, 12:31



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