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Kleiner Beobachtungsbericht zur Nacht 8. / 9.5.2018 bei Ockenheim
#1
Hallo!
Gegen 22 Uhr startete ich unter angenehmen Bedingungen von ca. 18 °C mit meinem 10“ Gitter-Dobson, den ich schon zuvor nach draußen gestellt hatte. Eine Äquatorialplattform versüßte mir das Beobachten bei höherer Vergrößerungen (ab 200-fach bis zu 450-fach), denn das Seeing war gut. Die Durchsicht litt sicher an der Nähe zu Mainz und Frankfurt. Der Himmel war deutlich aufgehellt und bei ca. 5,5 mag Grenzgröße für das bloße Auge. Für hiesige Verhältnisse ist es sicher eine der besseren Nächte des Jahres gewesen. Eine besondere Begleiterin unterhielt mich akustisch immer wieder in der Nacht: eine Nachtigall sang immer wieder ihr abwechslungsreiches Lied!

In der Dämmerung widmete ich mich zunächst einigen Doppelsternen: Zeta Boo lässt sich im 10“er nur unter idealen Bedingungen trennen und war auch nicht zu schaffen. Aber die Ei-Form des Paares war zu erkennen. Ähnlich auch bei 48 Vir, der mit einem ähnlichen Abstand versehen ist aber um etwa 2 mag lichtschwächer ist. Nebenbei stolperte ich auf dem Weg auf Pi Boo, der mit mehr als 5“ eine Spielerei war. Ebenso ist immer wieder Gamma Virginis mit seinen derzeit 2,5“ Abstand eine Augenweide, welche völlig entspannt zu trennen ist.
Zwischendurch gaben die Büsche auch einen ersten Blick auf Jupiter frei, der aber noch nicht allzu viel von seinen Wolkenstrukturen preisgab. Dafür waren aber die vier galileischen Monde zu sehen: Ganymed, Io, Europa und Kallisto. Jupiter war während der gesamten Beobachtungszeit immer wieder ein Hingucker: einmal weil er zwischen verschieden hohen Bäumen immer wieder „durchblickte“ und zum zweiten, weil ich auf den GRF wartete. Das dauerte aber noch!

Derweil vergnügte ich mich im Virgo-Galaxienhaufen. Im Anschluss an Epsilon Virgo, sprich Vindemiatrix, waren die Doppelgalaxien M60 mit NGC 4647 gleich eingestellt. Die auf dem Weg liegenden Galaxien habe ich mal außen vorgelassen, außer die vorgelagerte NGC 4660. Im Nachhinein fallen mir nicht alle Galaxien mehr ein: in jedem Fall war da noch M59 und die dazwischen liegende NGC 4638. Über NGC 4606 und 4607 hangelte ich mich weiter Richtung Westen zur helleren M58. Von da an bog ich nach Norden Richtung NGC 4550 und 4551 ab, und weiter „oben“ waren M89 mit M90 zu finden. Dabei war letztere eindeutig länglicher zu sehen, wie die Vorgänger-Ellipsen.
Ein paar Grad zurück nach Süden und Westen fand ich meine wichtige Zwischenstation: M87. Sieht gar nicht nach Riesengalaxie aus, mit angeblich sechs Billionen Sonnenmassen oder noch mehr! Es kommt darauf an, wie weit man den Kreis ums Zentrum zieht. Bei Wikipedia steht der gelassen wirkende Satz: „Die Gesamtmasse von M87 könnte das 200fache der Masse der Milchstraße betragen.“ Nun denn. Von der Riesengalaxie ging es weg und in die Markariansche Kette. M84 und M86 sind die westlichen Anker. NGC 4387 war an der Wahrnehmungsgrenze, dafür NGC 4388 die sichere südliche Grenze mit 4425 wieder weiter im Osten gelegen. Von da an ging es wieder nach oben zu den „Augen“ in der Kette: NGC 4435 mit der deutlich länglichen 4438. Daran anschließend nach Norden bilden NGC 4461 und 4458 ein ähnliches aber wesentlich lichtschwächeres Paar. Und dieser Spur folgend kommen noch NGC 4473 und 4479 ins Blickfeld. Damit ließ ich es erst einmal gut sein und brauchte eine Augenentspannungsphase bei Jupiter, der sich merklich weiter gedreht hatte und bei dem Io näher an die Planetenkugel gerückt war.

Nun kamen die Galaxien im Löwen an die Reihe, bevor dieser zu sehr nach unten gen Westhorizont eilte. Aber halt, da war noch M104, der Sombrero mit seinem Staubband auf dem Wege und mit ihm einige andere Galaxien wie NGC 4699, 4697 und andere als Stolperstellen. Aber dann an den Westhimmel geschwenkt war M66 hell und mit M65 einfach zu finden. M66 zeigte mir dabei ihre unruhige Gestalt, die ich aber nicht recht fassen konnte. NGC 3628 war als der berühmte Hamburger nicht so deutlich, wie erhofft. Dabei gesellte sich noch der Asteroid Hermione mit 13,6 mag zum Leotriplet. NGC 3593 musste noch herhalten und dann ging es schon zu M95 / 96 weiter nach Westen. Ausgehend von k Leo hatte ich allerdings erst M105 mit NGC 3389 im Okular.

Nach einer kurzen Erholung am freien Sternenhimmel versuchte ich mich an den „Zenitgalaxien“ im Großen Bären: M51, M101 und später M106. Objekte in Zenitnähe mit dem Dobson anzusteuern ist schon eine sportliche Herausforderung: Astrogymnastik pur! M51 zeigte nicht die erhofften Spiralarme, dafür aber einen klaren Hof um die hellere und die kleinere NGC 5159 daneben. Es war zwar für hiesige Verhältnisse gut, aber doch nicht dunkel genug! Der Sprung zu M101 gelang relativ gut und ich fand hier überraschend sogar Anzeichen der Spiralarme! Vielleicht half dazu auch das 38 mm Weitwinkel-Okular, das sehr viel Lichtstärke brachte und mit einem CLS-Filter wurde der Himmelshintergrund abgedunkelt. Nach diesen Erfolgen habe ich mir beim Suchen von M106 fast das Genick gebrochen. Aber endlich stand die längliche Galaxie mit leichter Struktur im Gesichtsfeld.

Danach war wieder Jupiter zwischen den Ästen frei und zeigte sich wieder ruhig mit vielen Details in NEB und SEB. Dabei fiel mir unterhalb des SEB noch ein eigenes Band auf. Das Zwischenband im Norden war sowieso deutlicher. Vom GRF weiter keine Spur, obwohl es schon weit nach Mitternacht war.
Eigentlich wollte ich schon einpacken, aber da fiel der Blick auf Herkules und M13 stand sogleich zur Entspannung im Gesichtsfeld. Diesen Kronleuchter des Himmels bei 210-fach im Okular zu haben, daneben läuft die Äquatorialplattform mit perfekter Nachführung – das ist schon ein erhebender Anblick! Die Form erinnert mich immer wieder an einen Harlekin, oder wenn es gruseliger sein soll: eine Medusa. Ob der nächtlichen Stunde entscheide ich mich für den Harlekin. Mit der letzten SuW 5/2018 in Erinnerung schwenkte ich steil nach Süden auf M5: wer ist der schönste Kugelsternhaufen am Himmel? War die Frage gewesen... Für mich ist das schwer zu entscheiden. Die schönere, kugeligere Form hat klar M5! Heller und imposant größer wirkt auf mich M13.

Noch ein rascher Blick auf Epsilon Lyrae und M57 zeigten das zwar gute Seeing aber, dass langsam am Osthimmel Schleierbewölkung aufzog. Deshalb ein letzter ungeduldiger Blick zu Jupiter: endlich kam auch der GRF gegen zwei Uhr MESZ um die Ecke gebogen. Er war also noch da!

Noch ein schweifend-langer Blick an den Himmel ohne Teleskop und ich beschloss eine sehr reichhaltige Beobachtungsnacht als Gensusspechtler, wie ich es viel zu selten tue. Von der nahen Nachtigall, die ihr Lied sang, bis hin zu den Millionen Lichtjahren der Galaxien... Angel
Viele Grüße
Christoph

http://www.klostersternwarte.de
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Andreas-TAL (12.05.2018), Astrokarsten (15.05.2018), August (13.05.2018), Karsten (19.05.2018), LarsL. (12.05.2018), Martin.F (13.05.2018), Philipp (13.05.2018), Thomas64 (13.05.2018), Uwe (12.05.2018), Willi (13.05.2018)
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#2
Hallo Christoph,

ein eindrücklicher Bericht, der einen förmlich mit auf deine "Reise" am Himmel nimmt. Daumen hoch  Da bekomme ich schon wieder Lust die Röhre rauszustellen.

Heute war ich mit Ralf über den Nachmittag auf dem ITV. Dort trifft man immer altbekannte Sternfreunde und die ein oder andere "Kuriosität"!
the sky is the limit

Gruß Uwe

"Sehen ist schwieriger als Glauben" Zitat aus "Die Kometenjäger"

http://www.the-night-black-white.de
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Christoph (13.05.2018)
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Christoph (13.05.2018)
#3
Hallo Christoph,

schöner Bericht und man liest dabei wie du Beobachtungsspaß  gehabt hast. Also für meinem Geschmack ist M5 der schönere Kugelsternhaufen. Er hat auch eine interessantere  Form als M13 finde ich. Fast wie eine Spiralgalaxie sind die äuseren Randpartien angeordnet. Ist jedenfalls  mein Eindruck.

Gruß  Philipp
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Christoph (13.05.2018)
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Christoph (13.05.2018)




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