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Das Universum in 14 mm ...
#1
... könnte das Thema des Abends und der Nacht von Montag auf Dienstag gewesen sein. Ich habe aktuell ein Okular der neuen SSW Okularserie hier vor Ort (14mm) und wollte das mal testweise an meinen TAL-250K ausprobieren.

           

Also holte ich ähnliche Okularbrennweiten ganz verschiedener Serien heraus und hatte ein munteres Okularvergleichen über komplett andere Designs hinweg. An den Start gingen das 12,5mm Baader Genuine Ortho mit 40° Gesichtsfeld, das VIXEN LVW mit 13 mm und 65° Gesichtsfeld, das TAL Ultrawide UWA 15mm mit rund 80° Gesichtsfeld und das VIXEN SSW in 14mm, was bei  83° Gesichtsfeld liegen soll.

Also ein recht schräges Vorhaben: Alles wird heute Abend mit nahezu identischer Vergrößerung beobachtet.

Ziel war es, das Verhalten des TAL-250K in Bezug auf verschiedenen Okulare genauer zu untersuchen. Denn das Problem ist ein recht komplexes, mein 10“ Klevtsov hat kein komplett flaches Gesichtsfeld, sondern es ist leicht kissenförmig dreidimensional verzerrt (also wölbt sich wie ein Netz mit Gewicht in der Mitte etwas nach „unten“. Ebenso hat es (auch systembedingt) einen gewissen Astigmatismus im Feld. Das macht die Okularwahl nicht einfacher. Grundsätzlich sieht man natürlich mit jeden Okular etwas und auf der Achse auch scharf. Darüber hinaus braucht es aber Okulare, die kurioserweise NICHT absolut perfekt sind. „Perfekt“ wäre ja nach dem üblichen Maßstab ein flaches Gesichtsfeld und ein komplett kompensierter Feldastigmatismus. Ideal funktionieren am Klevtsov aber die Okulare, die im Feld dieselben Abweichungen wie das Teleskop aufweisen, aber mit umgekehrten Vorzeichen. In der Summe heben sich dann beide Fehler gegenseitig auf und es entsteht ein perfektes Bild.

Die andere Alternative: Ein Gesichtsfeld, das klein genug ist, damit die Abweichung neben der Achse erst gar nicht bemerkbar groß werden kann. Aber schick sind ja gerade Okulare von 80° Gesichtsfeld aufwärts ...

Perfekt korrigierte Pentax, Nagler, ExploreScientific, Televue ... Okulare, deren Designer wahrscheinlich unendlich viel Mühen darauf ausgerichtet haben, ein möglichst fehlerfreies Okular zusammenzubasteln, helfen mir überhaupt nicht weiter. In den ersten Reviews der SSW Okulare im englischsprachigen Bereich, ging es stattdessen immer wieder darum, dass diese offenbar kein komplett flaches Feld aufweisen und auch der Astigmatismus im Feld nicht vollständig korrigiert zu sein scheint. Was als Kritik gemeint war, könnte für den Klevtsov passen.

Erstes Ziel der Nacht nach dem Alignment war Jupiter, was aber gegen 23:00 Uhr noch unsinnig war (zu tief und zu schlechtes Seeing - draußen und im Tubus).

Also wieder mal auf zu Epsilon Lyrae.
BGO: Heimspiel auf der Achse, definiertester und kontrastreichster Anblick über alle Okulare hinweg. Sehr schön getrennt mit deutlichem schwarzen Zwischenraum
LVW: Standen den BGO wenig nach, etwas unschärfer, aber wirklich nur, wenn man direkt zwischen beiden hin und her wechselte und sehr genau schaute.
UWA: Schwächster Anblick bei diesen Objekt. Der Einblick wirkt eher wie mit leichtem Weichzeichner. Nadelfeine Sterne waren das nicht.
SSW: Erstaunlich kontrastreich, klar und scharf. Vom Empfinden her waren die BGO noch etwas schärfer und ruhiger (was aber auch an dem engeren Gesichtsfeld liegen könnte, dass den Fokus noch mehr auf die Achse führt).

Wega:
Der Vergleich am Stern zeigte nahezu identische Resultate. Die Farbreinheit war bei allen dreien sehr ähnlich, lediglich die UWA zeigten Wega einen Ticken mehr in Richtung Elfenbein oder Creme. Der etwas geringere Kontrast führte dann vielleicht auch dazu dass Wega durch die UWA gesehen als nicht so extrem scharf begrenzt empfunden wurde.

M57
BGO: Immer noch ein Heimspiel für das BGO, zumindest wenn es um den planetarischen Nebel selbst ging. Der Kontrast litt natürlich unter dem Mondlicht, aber auf den außerhalb des Rings stehenden kleinen 13 mag hellen Stern, ließ sich sehr schön scharf fokussieren.
LVW: Sehr schönes, scharfes Bild über das gesamte Gesichtsfeld hinweg, alle Sterne waren sehr fein und scharf dargestellt, bis zum Rand der 65° Abbildung. In der Mitte konnte das LVW weder mehr, noch weniger Kontrast aus dem planetarischen Nebel herausziehen. Dafür passten die Bedingungen einfach nicht.
UWA: Auch hier landet ihr das Okular auf dem letzten Platz. Das lag vor allem daran, dass die Fokusdifferenz zwischen dem Rand (gut, das hat 80° Gesichtsfeld) und dem Fokus auf der Achse 1,5 mm beträgt. In der Mitte war fast ein Sternscheibchen zu sehen, wenn ich auf einen Stern ganz am Rand des Gesichtsfeldes fokussierte
SSW: Die Überraschung des Abends. Das Bildfeld ist bis zum Rand der 83° scharf begrenzt. Ich habe mehrmals über die 1:10 Untersetzung auf den Rand oder auf die Mitte fokussiert und dann jeweils das Andere geprüft. Ich komme allenfalls auf eine Fokusdifferenz von 0,15 mm.

Mond - Krater Aristillus und Autolycos
BGO: Das BGO zeigt enorm feine Details innerhalb der Krater und in den Kraterwänden, die teilweise wirklich dreidimensional gestuft erscheinen. Die BGO sind definitiv eine Hausnummer bei kontrastreicher Abbildung auf der Achse. Auch die Schattenwürfe waren in den Phasen guten Seeings sehr kontrastreich dargestellt.
LVW: Im Eindruck nochmals eine Steigerung zu den BGO, was an dem großen Gesichtsfeld liegt, dass alles nochmal plastischer erscheinen lässt. Der Mondrand ist durch die atmosphärische Dispersion, mit einer feinen hellgelben Linie versehen. Erstaunlicherweise ist die Farbe bei den LVW deutlich geringer als bei den SSW, die die Farbe am Mondrand deutlich stärker zeigen.
UWA: Hier verlieren die UWA am deutlichsten, weil die Unschärfen nach 2/3 des Gesichtsfelds stark zutage treten. Faktisch liefern die Teile ein zu ebenes Bildfeld ab.
SSW: Sehr schöner Kontrast und erneut über das komplette Gesichtsfeld von 83° scharf. Diese Randschärfe ist schon sehr beeindruckend. Es gibt faktisch keinen Unterschied zwischen dem äußersten Rand und der Achse.
Hier taucht aber auch ein Problem auf, was im dunklen Hintergrund eher verschwindet. Die Augenmuschel kann herausgedreht werden, damit das Auge eine passende „Auflage“ (max. 13 mm Augenabstand) hat. Das funktioniert sehr gut. Die oft beschriebenen Einblickprobleme (Kidney Beaning, unruhige Einblickposition) tauchen bei mir mit diesem Abstand nicht auf. Allenfalls pendle ich einen Hauch mehr als wie bei den LVW.
Aber durch die herausgedrehte Augenmuschel entsteht so etwas wie ein mechanischer Tunnel, der im Einblick zu sehen ist. Gefühlt ist der Einblick nicht größer als wie bei den LVW. Was man machen kann ist natürlich dann in dieser Position schräg hineinzublicken und siehe da: Dahinter (also hinter diesem Tunnel) geht’s weiter ... das ist schade, weil sich auf diese Art und Weise ein „Spacewalk-Effekt“ nicht einstellen will. Es ist eher wie der Blick aus einem Bullauge und wenn man dann vor dem Bullauge den Kopf dreht, sieht man rechts/links/oben/unten, dass das noch mehr zu sehen ist (das ist der treffendste Vergleich der mir gerade einfällt).
Ich weiß nicht, ob das bei anderen 83° Okularen anders ist, bei den UWA ist das z.B. nicht so ausgeprägt.
Wenn ich dann den Augenabstand verringere (Muschel reindrehe) wird es „spacewalkiger“, aber so ab 7-8mm Abstand taucht dann sehr deutlich das Kidney Beaning auf.
Da weiß ich ehrlicherweise nicht, ob mir das gefällt.

H & chi Persei
BGO: Macht keinen Sinn, das Gesichtsfeld ist zu klein.
LVW: Einer der beiden Sternhaufen passt perfekt in das Gesichtsfeld. Randschärfe, Farbigkeit, Kontrast sind das was ich beim Klevtsov als nahe am Optimum bezeichnen würde.
UWA: Auch hier stören wieder die unscharfen Sterne am Rand und wenn man zwischen Rand und Achse mittelt, dann ist das ganze Bild irgendwie unbefriedigend.
SSW: Hier spielen das SSW erneut seine Stärken aus. Absolut randscharf, Kontrast und Farbe passen wie bei den LVW sehr, sehr gut. Der dunkle Ring/Rand verschwindet hier, deutlich leichter im Vergleich zum Mond, so dass sich eher das Gefühl von Schweben im Raum einstellt. Aber (zumindest in der Erinnerung) nicht perfekt.

Ach ja, Jupiter und Saturn waren dann kurz nach Mitternacht (trotz Maintal) erstaunlich kontrastreich. Sehr klare Strukturen im dunkleren der beiden Äquatorbänder Jupiters, vor allem die Begrenzung erschien wie mit eine feinen Tuschpinsel nachgezogen. Die nachfolgenden Bänder bis zu Pol (insgesamt waren 5 sichtbar) waren auch deutlich zu sehen - und das ohne ADC.
Kein Wunder, dass Saturn dann auch sehr fein und präzise im SSW Okular stand. Die Cassinitrennung war fast umlaufend zu erkennen und neben dem helleren Äquatorband war ein zweites, etwas oberhalb zu sehen. Schau an, Achse können sie, die SSW am Klevtsov.

Andreas-TAL

Ergänzung: In der darauffolgenden Nacht war nochmals draußen um die oben beschriebenen Beobachtungen gegenzuprüfen. Bei weitaus schlechteren Bedingungen konnte ich aber im wesentlichen alles oben geschriebene auch dieser Nacht wiederfinden. Einzig - und war der Grund für die "Verlängerung" in eine zweite Runde - ist der oben geschilderte "Tunnel" des SSW doch nicht so störend, wie in der ersten Nacht empfunden. Es ist eine sehr feine Einstellung der Augenmuschel sinnvoll, um so nah wie möglich an die Okularlinse zu kommen, bevor die eigene Iris als Blende wirkt und Teile des Lichtstrahls aus dem Okular abblendet und so die berühmten Bohnen im Bild erzeugt. Hat man den aber gefunden, ist es dann doch ein schöner An- und Einblick, selbst wenn das Einblickverhalten etwas unruhiger wird. Scheinbar muss man sich auch in so große Gesichtsfelder erst "einsehen".
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Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond“
                                                                                                                              (Mascha Kaléko)  
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