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Eine runde Sache - mit Haken und Ösen...
#1
Ein Widerspruch – ja, gewiss! Aber das beschreibt recht gut „meine Mondfinsternis 2019“. Aber nun zur (Vor)Geschichte.
 
Last Chance
Nachdem ich recherchiert hatte, dass diese Winterfinsternis in 2019 die letzte komplett beobachtbare, totale Mondfinsternis für die nächsten 10 Jahre sein würde, wollte ich dieses Mal wirklich etwas Aufwand betreiben.
Die nächsten gut und (fast komplett) beobachtbaren, totalen Mondfinsternisse in Deutschland sind erst wieder am 20.12. 2029 und am 18.10.2032. Vorher ist eine (lustigerweise) genau an Silvester 2028 – aber da geht der Mond schon verfinstert auf und gegen 20:00 ist die Finsternis bereits wieder vorbei.

Aufwand
Also entschied ich mich endlich mal meine EOS 350D in Betrieb zu nehmen und - seit ich meinen 4“ TAL-APO habe ist auch ausreichend wenig Brennweite da – mal so ganz fachlich Astrofotografie zu betreiben. Die EOS 350D hat einen Akku-Dummy und kann daher gut über meinen Bleigelakku extern versorgt werden. Ein 2“ Steckanschluss auf T2 war ja da und ein T2 auf EOS Bajonett sowieso. Was noch fehlte war ein Fernauslöser, aber in China stand man schnell mit Rat und Tat beiseite. Den (nun wirklich steinzeitlichen) „Knickohr-Timer“ wollte ich mir nicht antun.Ich würde wahrscheinlich eine Woche brauchen da wieder einen Durchblick zu bekommen.

Läuft doch rund ...
Also die neue Konfiguration flugs mal zusammengebaut und getestet – trotz (oder wegen?) Dornröschenschlaf frisch und jung geblieben. Alles klappt. Leider ging das Fotoprojekt „Komet Wirtanen“ schief, nachdem zwar nicht die Technik, aber das Wetter komplett versagte. Also, nächster Stopp: Mondfinsternis - runde Sache!

... mit Mini-Speicher
In meiner Euphorie habe ich aber komplett übersehen, dass ich nur eine CF Karte mit 1 GB zur Verfügung hatte und als ich es bemerkte war es schon zu spät. OK, welches Elektrogeschäft hat heute noch CF-Karten, die so groß und dick wie ein Butterkeks daherkommen? Die Verkäufer schauten mich dementsprechend auch an als wäre ich „Catweazle“ (wer´s nicht kennt, mal googlen), der nach einem Telefonhörer-Zauberknochen fragt. Also gut, dann halt nur 1 GB – fängt ja schon wieder hakelig an …
Von Christoph bekam ich den Tipp, ob meiner arg limitierten Speicherkapazität (die Kamera zeigte 140 Bilder an), auf RAW zu verzichten und lieber in JPEG zu speichern. Also Bilderzahl statt Rauschminimierung und das Ganze über eine hohe Anzahl an zu stackenden Bildern zu schärfen. Die Kamera zeigt nach der Änderung auf JPEG dann fette 242 Bilder an. Na, das ist ja schon mal was. Sie lag mit der Zahl aber völlig daneben – dazu später noch mehr.

Test - 1 - 2 - 3 - Test - Test 
Am Tag vorher machte (sicherheitshalber) einmal ein paar Testaufnahmen am Fast-Voll-Mond, schon allein um die Relation von Mondgröße, Belichtung und Kamerachip zu testen. Das ganze Projekt war ja meine DSLR Premiere – und wenn´s schiefgeht gibt es eine Eintrittskarte für die nächste Aufführung in 10 Jahren. Nicht so prickelnd. Grundsätzlich passte beim Test alles – nur eines ging gar nicht: Fokussieren! Ja gut, die EOS 350D stammt technisch gesehen aus der Steinzeit (obwohl das Neolithikum der Spiegelreflexfotografie hier nur 10 Jahre zurückliegt) und hat keinen Liveview. In meinem (nicht mehr so ganz) jugendlichen Leichtsinn dachte ich, dass das am Sucher doch passabel gehen müsste.

Das Seeing ist schuld
Pustekuchen! Der Fokus war wie ein zäher Kaugummi und irgendwie ging gar nichts scharf. Ohne Brille schon gleich nicht – mit Brille durch den Sucher war genauso doof. Na, das konnte ja was werden. Nachdem ich das Teleskop (mit Okular war es knackscharf), die Kamera (Umlenkspiegel und Chipglas waren sauber) und den Sucher (genauso sauber) als Fehlerquelle ausgeschlossen hatte, schob ich es auf die Thermik und das Seeing. Passt ja in Astrokreisen fast immer …

Wolkengrummeln
Mit etwas flauen Gefühl startete ich in den Sonntag. Hoffnungsvoll sah´ wenigstens das Wetter aus. Nachdem am Freitagmorgen im gesamten Maintal dichter Nebel hing, hatte ich schon überlegt in den Odenwald zu fahren. Aber bei -10 Grad, nachts für 4 Stunden auf einer Wiese stehen und gen Mond starren? Das klang nicht nur in meinen Ohren verrückt. Das machten noch nicht mal Druiden, bei denen der Mond und seine Finsternisse hoch im Kurs standen, da war ich mir sicher. Der Samstag brachte dann die Entscheidung: A..schkalt und klar am Morgen – also heimischer Balkon mit warmen Zimmer nebenan. So entwickelte sich der Sonntag sehr passend, bis … ja, bis am Abend von Osten richtig dicke Wolken heranzogen.

Es hakt
Meine ganzen Vorbereitungen (wie geschrieben - dieses mal wollte ich Aufwand betreiben) schienen für die „Katz“ oder besser für die „Wolkenwand“ zu sein: das Stativ war aufgestellt, die Montierung bereits drauf und passend eingenordet für 4:00 morgens, das Gegengewicht bereits ausbalanciert, das Teleskop lagen nebendran bereit damit es in 8 Stunden durchfrieren kann (von Auskühlen kann man ja bei -8 Grad nicht reden), alle Akkus waren geladen, die Alignmentsterne herausgesucht, die doppelten Winterklamotten vorbereitet … und jetzt das. Grade noch lief alles rund und es hakt schon wieder.
Frustriert schlich ich gegen Mitternacht ins Bett und stellte mir den Wecker auf 3:30 Uhr mit dem Gedanken: „Na ja. Ich steh´ mal auf, schau mir die Wolken an und kann dann wenigstens weiterschlafen.“

Picknick auf der Himmelswiese
Als ich um 3:30 Uhr geweckt wurde und noch im Schlafanzug auf dem Balkon stand, traute ich meinen Augen kaum: Alles voller Wolken über der einen Himmelshälfte und daneben, als wären die Wolken eine Picknickdecke mit schnurgerader Kante, eine freie klare Himmelswiese. Wow – unglaublich! In wenigen Minuten war die Himmelsdecke weggezogen und gab den Blick auf einen strahlend hellen, klaren Mond frei. Und dann kam alles ins Rollen. Kurz vor 4 Uhr stand ich als dickes Michelin-Männchen auf dem Balkon, Teleskop war montiert und verkabelt und ich schaltete Punkt 4:00 Uhr die Montierung ein. Jepp – alles piepste und blinkte zufrieden vor sich hin - nur das GPS suchte sich dumm und dämlich. Oh nein, Haus und Dach im Osten neben mir, verhinderten den Kontakt zu ausreichend vielen GPS-Satelliten. Also – ich war ja mittlerweile die Haken und Ösen gewohnt - alle Daten schnell per Hand (Oh je - welcher Breitengrad und Längengrad ist das hier? Und ist das Ost oder West …?) und alles andere eingegeben und bestätigen. Uff … Schrecksekunde rum, weiter geht´s mit dem One-Star Alignment an Spica und (tatsächlich) um 4:30 Uhr war alles bereit und man bemerkt auch schon den beginnenden Kernschatten. Mein eng getakteter Zeitplan sah 14 Abschnitte bis zur Totalität vor, bei denen ich jeweils rund 15 Bilder, mit vorher genau festgelegten Belichtungszeiten von 1/2000 bis 1,5 Sek. machen wollte, was dann 210 von den 240 möglichen Bildern, die der Kameraspeicher anzeigte, verbrauchen würde. Die restlichen waren der Sicherheitspuffer. Viel Papierkram neben mir, aber ohne den wäre ich rettungslos verloren gewesen im Wust von Uhrzeiten, Verschlusszeiten, Verfinsterungsprozenten, Bilderzählen …

Durchblick da
Nach den ersten beiden Serien passte ich die Belichtungszeit an und erhaschte auch einen Blick auf den Kameraspeicher. Statt 30 Bilder weniger, zeigte mir die Kamera aber noch 230 von 242 Bildern an. Was war das? Lösten einige Bilder nicht aus, wurden einige Bilder nicht gespeichert … keine Ahnung. Überschlagsmäßig kalkulierte ich, dass ich dann rund 20 Auslösungen pro Fotozeitpunkt machen konnte, sollte, musste, um den Speicherplatz auszunutzen. Also löste ich per Kabeltimer munter Bild über Bild aus. Und auch die Sache mit dem Fokus hatte sich gelöst. Ohne Brille: kein scharfes Bild im Sucher. Mit Gleitsichtbrille (aha das war´s): Auch kein scharfes Bild im Sucher, wenn ich ganz nah dran war. Mit etwas Abstand konnte ich aber sehr problemlose Fokussieren. Ha, läuft wieder rund.

Winter-Wunder-Mond
Zwischendrin schüttelte ich immer wieder mal den Kopf, wegen den komplett ausbleibenden Wolken. Es war eine fantastische Nacht mit einer wunderbaren Durchsicht. Als ich am Morgen den CF-Speicher der Kamera komplett gefüllt hatte, weigerte sich der mittlerweile sehr tiefstehende Mond immer noch, in irgendwelchen Dunstschichten zu verschwinden. Sogar in rund 2 Grad Höhe über dem Horizont, stand er fettgelb, und einem Resthauch von Kernschatten, als riesiges, quergelegtes Ei da und tat so, als könne er kein Wässerchen trüben. Und dann sah ich tatsächlich einen Monduntergang an der Horizontkante der Landschaft. Nicht hinter einem nahen Baum oder so, sondern genau in einem Taleinschnitt mit einer ca. 10 km entfernten baumlosen Senke – unglaublich. Das hatte ich in solcher Klarheit hier vor Ort noch nie gesehen. Schon aus diesem Grund wird mir diese Wintermondfinsternis lange in Erinnerung bleiben.

Schön war´s 
Ach ja – und auch noch wegen den 616 Bildern, die ich dann auf dem Speicherchip gefunden habe. Da sind nun ausreichend Bilder zum Stacken und Spiegeln und Nachbearbeiten und Stapelverarbeiten. Was für eine Winternacht, was für ein Wintervollmondnacht, was für eine Wintervollmondnachtfinsternis … 
Hier eine Kostprobe mit einer Einzelaufnahme (nix gemacht außer kleiner skaliert, gecropped, gespiegelt und rotiert).

   
 
Andreas-TAL
____________________________________________________

Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond“
                                                                                                                              (Mascha Kaléko)  
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Christoph (21.01.2019), Florian B. (22.01.2019), Herbipollution (22.01.2019), Karsten (23.01.2019), LarsL. (22.01.2019), Martin.F (22.01.2019), tschetto (23.01.2019), Ulf (21.01.2019), Uwe (21.01.2019)
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Christoph (21.01.2019), Florian B. (22.01.2019), Herbipollution (22.01.2019), Karsten (23.01.2019), LarsL. (22.01.2019), Martin.F (22.01.2019), tschetto (23.01.2019), Ulf (21.01.2019), Uwe (21.01.2019)
#2
Hallo Andreas,

das ist doch mal eine gute Geschichte und die Mühe hat sich voll! gelohnt  Daumen hoch

Mir wird das Ereignis auch lange in Erinnerung bleiben. Alleine schon die Kontrasttemperaturen zur Mofi im vergangenen Sommer...

Da ich aber erst in der Nacht aus dem Schiwochenende zurück kam hatte ich kein Teleskop am Start. In die Schule musste ich auch noch. Dann hätte ich durch das Abbauen zusätzlich Zeit verloren. So war ich 3 Stunden mit bloßem Auge am Objekt der Begierde und genoss den eisigen Morgen in vollen Zügen.

Deine Aufnahme gefällt mir jetzt schon sehr gut. Da dürfen wir auf die weiteren Eindrücke gespannt sein. Cool
the sky is the limit

Gruß Uwe

"Sehen ist schwieriger als Glauben" Zitat aus "Die Kometenjäger"

http://www.the-night-black-white.de
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#3
Wow Andreas!
Nach unseren Absprachen bin ich richtig stolz auf Deinen verfinsterten Mond! Daumen hoch Daumen hoch Daumen hoch
Viele Grüße
Christoph

http://www.klostersternwarte.de
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